Ankommen will Weile haben

 Nun ist es geschafft. Zumindest sind wir physisch angekommen im neuen zu Hause. Das Umziehen und Ankommen bedingt ja gleichzeitig, dass man den bisherigen Wohn- und Lebensraum verlässt. Als grosse Herausforderung erlebe ich, dass diese Prozesse fast gleichzeitig ablaufen und sich in der ganzen Vorbereitungsphase sogar noch überlagern.

 Das Abschiednehmen findet meist innerlich schon viel früher statt: mit der Auseinandersetzung, den bisherigen Wohnraum zu verlassen und sich woanders niederlassen zu wollen; beim Anschauen eines neuen Wohnobjektes, beim gedanklichen Durchspielen, wie es sich am neuen Ort anfühlen könnte, wie der Arbeitsweg ist, die Nachbarn, die Umgebung, die Spazierwege für die Hunde etc. Wir lassen uns Zeit, wägen ab, gehen die Möglichkeiten immer wieder durch, bis wir dann den Rubikon überwinden und innerlich entschlossen sind, in ein anderes Dorf oder in eine andere Stadt, in ein anderes Haus oder in eine andere Wohnung zu ziehen.
Und obwohl das auch bei uns so war und wir uns mit der ganzen Entscheidungsfindung Zeit gelassen haben, alles etliche Male abgewägt und durchdiskutiert, davon geträumt und immer wieder darüber gesprochen haben, erlebe ich das Verlassen meines alten zu Hauses und das Ankommen im neuen Daheim als sehr anstrengend, emotional aufwühlend und auch mit Abschiedswehen verbunden. Ich bin ein Mensch, der sich mit Veränderungen eher schwertut. Ich mag es, wenn mir meine Umgebung und die Landschaft, in der ich mich oft bewege, vertraut sind. So wie Freunde, die man oft trifft und bei denen man sich aufgehoben und sicher fühlt. Ich weiss, dass das auch an diesem wunderbaren Ort hier wieder genauso sein wird. Aber im Moment bewege ich mich noch etwas zwischen den Welten. Die Abläufe sind anders und ungewohnt, ich befinde mich immer noch im Stadium des Suchens, die Gegenstände befinden sich an neuen Aufbewahrungsorten und rufen nicht, heiss oder kalt, wenn ich hektisch durchs Haus irre am Morgen. Die Zeit habe ich auch noch nicht so ganz im Griff, weil der Weg zu meinem Arbeitsort nun durch die Stadt führt. Die Hunde müssen schon mal länger auf ihr Morgenessen warten, weil ich zeitlich zu knapp ins Auto gestiegen bin. Und auch der schnelle Weg nach Hause über Mittag fällt weg.
Und nun stelle man sich vor, wie sich ein Hund fühlt, der gleich alles verliert, was ihm vertraut ist. Der keine Vorbereitungszeit hatte, sich nicht auf die neuen Menschen und den neuen Wohnort einstellen konnte. Ihm geschieht einfach. Von jetzt auf sofort verliert er sein zu Hause, seine Familie, die ihm vertraute Umgebung mit all ihren Gerüchen und Geräuschen. Und da soll er sich auch noch freuen und voll gechillt und bester Laune sein. Seine Menschen haben schliesslich alles vorbereitet: eine entsprechende Hundeschule ausgewählt, ein weiches Bettli gekauft, einen Fressnapf und sonstiges Equipment angeschafft, sich durch dutzende Bücher gelesen, Türgitter aufgestellt, allen von ihrem neuen Familienmitglied erzählt und die Tage im Kalender abgestrichen bis zum Einzug ihres neuen Familienmitgliedes. Da geht der Mensch natürlich selbstredend davon aus, dass es für den Welpen oder auch erwachsenen Hund genau gleich sein wird: Freude und Eierkuchen. Und je nach dem auch DANKBARKEIT.
Ein Umzug geht einher mit einem stark erhöhten Cortisolspiegel im Blut. Der Mensch befindet sich in einem Ausnahmezustand. Die Stressachse läuft auf Hochtouren! Und das über Wochen. Bei einem Hund ist es nicht viel anders. Je länger der Hund in einer anderen Lebensumwelt war, desto mehr Umstellfähigkeit ist gefordert. Ich denke da auch an Hunde aus dem Tierschutz, die eventuell auf der Strasse gelebt haben, Innenräume nur von aussen kennen und Menschen auf Distanz oder verbunden mit Schmerz. Der Mensch hat oft ganz andere Erwartungen, da er ja den Hund sozusagen gerettet hat und DER doch froh und dankbar sein muss. Nicht alles, was nach besser ausschaut, wird am Anfang vom Hund auch als besser erlebt. Primär ist einfach alles neu und ungewohnt, oft angsteinflössend und verunsichernd.
Ich stauen immer mal wieder, wie unsensibel wir mit der Uebernahme eines Hundes umgehen, wie wir genau diese Gefühle der Angst und Unsicherheit übergehen; welche überzogenen Erwartungen wir schon auf einen kleinen Welpen projizieren, der gerade alles verloren hat, das ihm lieb und wichtig war. Und dann gleich in die Welpengruppe zum Sozialisieren. Ich wage nochmals den Vergleich mit unserem Umzug hier nach Dorf: müsste ich gleich drei Tage später an die Gemeindeversammlung, um alle Nachbarn kennenzulernen, ich hätte so was von einer Krise. Ich werde das schrittweise machen, in dem Tempo und in der Intensität, die mir entspricht. Bitte schön, wer bestimmt das bei unseren Hunden? Geht der Welpi nicht gerne aus dem Haus am neuen Ort, ist das noch kein Problem sondern zeigt einfach, dass es noch zu früh ist und der Kleine zuerst seine nahe Umgebung und die Menschen näher kennenlernen möchte. Und ob der Welpe nun mit 9 Wochen, seit 3 Tagen eingezogen, schon unter x fremde Menschen und Hunde muss, stelle ich heftig in Frage. Oder gehen Sie schon am 3. Tag nach Umzug in den ansässigen Turnverein um dort neue Bekanntschaften zu schliessen? Mit Sicherheit nicht.
Ich appelliere hier an die Langsamkeit. Gebt uns und unseren Hunden Zeit. Lasst uns alle ankommen und neue Eindrücke verarbeiten. Seid nachsichtig, wenn wir noch unsicher sind und uns lieber in den eigenen vier Wänden aufhalten und den Innenraum gestalten, bevor wir uns an und in den Garten wagen.
In diesem Sinne: allen ein gutes Ankommen im Prozess.

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