Alternativverhalten im Rucksack, lassen den Frust zu Hause

Konzentriert schiebe ich meinen Einkaufswagen durch die Gänge und greife rechts und links in die Regale. Zum einen folge ich den Anweisungen auf meiner Einkaufsliste, zum anderen meiner inneren Stimme, die mir suggeriert, den einen oder anderen Artikel doch auch noch mitreinzulegen, selbst, wenn der nicht auf meiner Liste steht. Klar, ein bisschen Selbstfürsorge muss ja sein. Mein neuronales Belohnungszentrum ist hocherfreut und klopft mir lobend auf die Schulter.


Anders als das Kind vor mir, welches im Einkaufswageni sitzend von der elterlichen Instanz durch das Geschäft gekarrt wir. Seine Patschändchen strecken sich sehnsüchtig nach all den Leckereien auf Kindersitzlihöhe aus und ein schrilles Stimmchen fordert lautstark Gummibärchen und sonstige Naschereien ein. Mit dem einzigen Resultat, ein scharfes «Nein» ins Gesicht geschmettert zu bekommen.
Für einen Atemzug lang ist es STILL. Kurz werfe ich einen Blick in das erleichterte Gesicht der Mutter. Für einen Sekundenbruchteil hat sie es mit ihrem Abbruchsignal tatsächlich geschafft, den kleinen Schreihals in seine Schranken zu weisen. Das war`s dann auch schon wieder. Erstaunlich, was aus so einem herzigen Kindermund an Tönen nach aussen dringen kann. Sehr laut, sehr hoch und einfach sehr frustriert. Was ich durchaus nachvollziehen kann.
Während ich in den nächsten Gang einbiege, ertönt schon wieder dieses sehr genervte «NEIN». Nur folgt auf diesen zweiten Abbruch keine Stille. Ganz im Gegenteil. Das Kind läuft zu Höchstform auf und traktiert den Einkaufswagen mit seinen Füssen, was ich dem scheppernden Geräusch zufolge nur vermuten kann.
Wieso ich das erzähle? Ich sehe da eindeutig Parallelen zu den Abbruchsignalen im Umgang mit unseren Hunden. Und vor meinem inneren Auge tauchen Bilder aus dem Alltag auf, wo Hundebesitzer ihren Hund tatsächlich umgetauft haben. Der heisst dann «NEIN». Oder «SII Loh». Oder «Pfui» und nicht mehr Lumpi oder Bella.
Würde ich einen Tag lang all diese «Neins» und «Pfuis» und «Sii-Lohs» zusammenzählen, käme sicher eine viel grösser Zahl raus, als wenn ich mich auf die «FEIN» und «PRIMA» und «SUPI» konzentrieren würde.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die sogenannten Abbruchsignale einen grossen Teil der Kommunikation zwischen Mensch und Hund ausmachen. Wie frustrierend das doch für beide Seiten sein muss. Die Sache mit den Abbruchsignalen ist schon eine Krux. Ich finde alleine schon die Bezeichnung sehr aussagekräftig. Etwas wird abgebrochen, abgewürgt, verboten, eliminiert. Der Hund soll auf keinen Fall ein bestimmtes Verhalten zeigen oder sofort damit aufhören, weil es STOERT! Ansonsten ist mit seinem Menschen nicht mehr gut Kirschen essen.
Nur: hat dich dein Hund auch schon öfters gefragt, was er denn stattdessen tun soll? Und was hast du ihm geantwortet? Genau, das ist der Punkt. Die meisten Verhalten, die dir an deinem Hund nicht gefallen, gehören in die Kategorie: das stört MICH und nicht den Hund. Ein paar Beispiele dazu: der Hund gönnt sich ein paar Rehkegel auf der Wiese; oder er wälzt sich in Fuchskacke; oder er bleibt stehen, um eine Schnüffelstelle ganz genau zu untersuchen, du aber in Eile bist; oder er bellt, wenn er alleine zu Hause ist; oder er steht an deinem Nachbarn hoch mit seinen schmutzigen Pfoten; oder er schnappt sich ein Brötchen vom Frühstückstisch; oder er empört sich über seinen Erzfeind, der gerade um die Ecke kommt etc. Dir fallen sich noch weitere Missetaten ein, mit denen dich dein Hund auf alle Fälle ärgern will.
Und die müssen natürlich abgestellt werden oder eben abgebrochen. Und genau zu diesem Zweck gibt es diese Abbruchsignale als scharfes Wort, als Leinenruck, als Wasserflasche, als Rappeldose, als Schupsen oder Stupsen oder was auch immer der Hund dann zu hören oder zu spüren bekommt.
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Noch viel unangenehmer wird’s, wenn der Hund gar nicht weiss, was er denn stattdessen tun soll oder was aus menschlicher Sicht von ihm erwartet wird. Fido findet es nicht unangebracht, wenn er dem Hund von nebenan die Leviten liest, schliesslich nervt der schon eine ganze Weile hinter seinem Gartenzaun. Oder wenn er sein Fell mit Fuchsdreck parfümiert oder die Grillwurst vom Teller holt. Oder mal so bytheway an Nachbars Blumenkasten pinkelt. Oder an der Leine Traktor spielt.
Der Mensch geht ignorant davon aus, dass der Hund schon weiss, was er zu tun hat. Also, was er stattdessen zu tun hat. Also was er anstelle des (vom Menschen) unerwünschten Verhaltens zu tun hat. ER SOLL ES EINFACH SEIN LASSEN. Nur ist ES EINFACH SEIN LASSEN kein Alternativverhalten.
Das ist in etwa so, wie wenn Dein Partner dir den ganzen Tag sagt, dass ihm nicht gefällt, was du gerade tust, dir aber keinen Vorschlag macht, was sein Herz erfreuen würde? Mal abgesehen davon, dass du in diesem Fall ein Singledasein sicher vorziehen würdest.
Wieso bloss geht der Mensch davon aus, dass sein Hund weiss, was denn das STATTDESSENVERHALTEN ist?
Wie gross muss doch der Frust in einem Hund sein, wenn er das nicht darf und jenes nicht soll, ohne eine Alternative angeboten zu bekommen? Je nach Typ Hund führt das in ausgeprägterer Form zu einer Art erlernten Hilflosigkeit. Der Hund denkt: dann mach ich lieber mal nichts, besser als das Falsche, weil sich das nicht gut anfühlt. Hast Du ein eher selbstbewussteres Exemplar auf vier Pfoten, wird er dir nach dem gefühlten 100-ten mal NEIN mit positiver Bestrafung erst recht in die Leine hetzen, weil seine Grenze für Frustrationstoleranz bis zum Unaushaltbaren ausgedehnt wurde.
Dazwischen gibt es Hunde, die das zwar alles mitmachen, sich innerlich aber von ihren Menschen entfernen. Logisch, oder? Magst du einen Chef, der dir ständig sagt, was du NICHT TUN DARFST oder WAS DU FALSCH MACHST, anstatt dir VORALLEM mitzuteilen, was dir gut gelingt, wieso er dich schätzt, was ihm an deiner Arbeit gefällt? Oder was du stattdessen machen könntest? Wie mag es sich wohl anfühlen, wenn du für eine Handlung einen Verweis bekommst, ohne zu wissen, was denn eigentlich erwartet wird? Ohne die leise Idee, was du für eine Handlungsalternative anbieten könntest?
Bevor du also überhaupt daran denkst, ein Abbruchsignal in Richtung Hund zu trällern, zu schmeissen oder zu spritzen, solltest du dich ausgiebig mit dem Aufbau von Alternativverhalten befasst haben. Und weisst du was? In den meisten Fällen erübrigt sich dann auch Dein Abbruchsignal, weil Dein Hund ein grosses Verhaltensrepertoire an alternativen Handlungen gelernt hat, die du dann bei Bedarf abrufen und deinen Hund fürstlich dafür belohnen kannst.
Es gibt fast immer DEN KLEINEN Moment, bevor dein Hund unerwünschtes Verhalten zeigt: Bevor dein Hund an deinem Nachbarn hochspringt, sind seine Pfoten auf dem Boden. Bevor dein Hund sein Kriegsgebell anstellt, weil sein Erzfeind immer näher kommt, hat er ausreichend Distanz zum Auslöser und verhält sich ruhig- eben bis du ihn näher ran führst! Bevor dein Hund an der Leine zerrt, ist sie locker. Genau diese Momente gilt es festzuhalten und positiv zu verstärken, sprich diese dem Hund mittels Belohnung bewusst zu machen. Geht Dein Hund zum Beispiel von sich aus einen kleinen Bogen, wenn sein Erzfeind entgegenkommt, geh doch den Bogen mit ihm und lobe ihn für sein deeskalierendes Verhalten. Das fühlt sich für deinen Freund auf vier Pfoten besser an, als in die Konfrontation reingezogen zu werden und im schlimmsten Fall auch noch eine Wasserdusche abzubekommen oder einen Leinenruck.
So geht man nicht mit Freunden um. Es lohnt sich sehr, dir die Situationen in Erinnerung zu rufen, wo du ein Abbruchsignal eingesetzt hast oder sogar öfters hast einsetzen müssen. Falls letzteres der Fall ist, war`s sowieso für die Hasen. Und schau dir die Erinnerung genau an: was wäre die Alternative gewesen für deinen Hund? Vielleicht eine Distanzvergrösserung, weg vom Auslöser, wie oben beschrieben? Oder das Blickabwenden durch eine Futtersuche? Vielleicht euer Markerwort mit Belohnung, solange die Leine noch locker war?
Und stell dir auch vor, in welchem Szenario es dir emotional wohler ist: wenn du gelobt wirst, für ein schönes Alternativverhalten, das du in Zukunft öfters zeigen möchtest oder für eine Strafe, weil du etwas falsch gemacht hast? Wenn Dein Hund bei einer Hundebegegnung von dir jedes Mal einen Leinenruck erhält oder mit Wasser begossen wird, anstatt die Distanz zu vergrössern oder ein schön aufgebautes Alternativverhalten abzufragen, wirkt er möglicherweise gegen aussen ruhig, weil er die Klappe hält. Was in seinem Innern abgeht, kannst du dir in etwa vorstellen. Weit entfernt von einer positiven Grundstimmung.
Und irgendwann stehst du staunend in der Landschaft, weil dein Hund nach der x-ten Dusche aus der Wasserpistole oder dem hundertsten Leinenruck so was von nach vorne geht. Was hat er wohl verknüpft? Da fragt sich dann der Mensch, wieso sein Hund plötzlich so aggressiv geworden ist. Spieglein, Spieglein and der Wand, wer ist der Heftigste im ganzen Land?
Und hier komme ich nochmals auf die eingangs erwähnte Situation im Einkaufszentrum zurück. Was wäre denn eine Alternative gewesen für das Kind im Einkaufswagen? Wo hat die Mutter den Zeitpunkt verpasst, den Frust des Kindes abzufangen und eine Alternative anzubieten? Eine Möglichkeit wäre, anstelle des Dauer-Neins das Kind mit seinem Bedürfnis nach einkaufen wahrzunehmen und es einzuladen, beim Füllen des Einkaufswagen mitzuhelfen. Und schon hat die Mutter ein Alternativverhalten bereitgestellt und das Kind ist stolz wie Harry.
Nimm dir doch gleich einen Stift und ein Blatt Papier und schreib auf, was dein Hund schon in seinem Verhaltensrucksack mit sich trägt: Schnüffeln, Suchen, Handtouch, Blickkontakt mit seinem Menschen, sichsetzen oder legen; einen Bogen gehen; den Blick abwenden vom anderen Hund, stehenbleiben, zudirzurückkommen, warten etc. Erweitere die Liste, indem du schöne Verhalten einübst und solche einfängst mit dem Markerwort, die Dein Hund dir sowieso schon schenkt. Und verwende die Wasserflasche zum Trinken und die Scheibendisk für die Fasnacht. Dein Hund wird dich dafür lieben.

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