Von Weltkarten und Pfotenabdrücken

«Die Weltkarte jedes Menschen ist so einzigartig wie sein Fingerabdruck. Keine zwei Menschen sind identisch. Es gibt keine zwei Personen, die einen Satz genau gleich verstehen. Im Umgang mit Menschen bedeutet dies, dass du versuchst, sie nicht in deine Theorie einzupassen, wie sie sein sollten.»
Milton Erickson, Psychotherapeut

Dieses Zitat von Erickson möchte ich in einem etwas anderen Zusammenhang betrachten, und zwar in der Interaktion und Kommunikation mit unseren Hunden.
Auch die Weltkarte unserer Hunde ist einzigartig. Genauso einzigartig wie ihre Pfotenabdrücke. Es gibt keine zwei Hunde, die den exakt selben Pfotenabdruck haben. Jeder Hund ist ein wunderbares Unikat.

Genau wie wir Menschen. Und für keinen Hund kannst du dieselben Annahmen treffen oder ihm denselben Lösungsansatz überstülpen. Genau wie bei uns Menschen.
Lies bitte folgenden Satz durch und mach dann eine kleine Denkpause: «Gestern habe ich auf meinem Spaziergang zwei freilaufende Hunde angetroffen.»
Was ist dir gerade durch den Kopf gegangen? Bist du selber Hundehalter? Hast du möglicherweise schon Erfahrungen mit freilaufenden Hunden gemacht? Waren die eher negativ oder eher positiv für dich? Zu welcher Tageszeit warst du unterwegs? Was möchtest du genau mit deiner Aussage mitteilen? Dass du dich gefreut hast, andere Hunde zu treffen? Möglicherweise ist deine Aussage auch ein Vorwurf an den anderen Hundehalter, die Hunde ohne Leine laufen zu lassen. Oder du hast dich gefreut, endlich mal Spielkollegen für deinen eigenen Vierbeiner zu treffen, weil alle anderen Hunde bisher angeleint waren. Oder du hast eine Hundephobie und hast dich sehr erschrocken und geängstigt, als dir diese zwei Hunde entgegengekommen sind. Oder hast du darüber nachgedacht, ob die Hunde möglicherweise am Jagen waren und dich über den verantwortungslosen Hundehalter geärgert? Oder hast du im Kopf schnell das in der Hundeschule eingeübte Szenario durchgespielt, wenn du mit deinem ängstlichen Hund auf unangeleinte, fremde Hunde triffst?
Ich habe Ericksons Kernaussage im obigen Szenario etwas abgeändert, wie du sicher gemerkt hast. Keine zwei Menschen haben denselben Gedankengang, dieselbe Gefühlslage und dieselbe Handlungsstrategie in der Situation mit den freilaufenden Hunden. Und genauso haben keine zwei Hunde denselben Erfahrungshintergrund mit Artgenossen, die ihnen entgegenkommen. Und keine zwei Begegnungen sind identisch, das heisst, auch du und dein Hund werden in jeder Begegnung wieder leicht verändert reagieren. Was es für deinen Hund auch nicht gerade leichter macht, deine Signale richtig deuten zu können und umgekehrt natürlich genauso. Und auch unter den Hundehaltern gibt es kommunikative Missverständnisse. Stell dir vor: es könnte sogar sein, dass der andere Hundehalter dein Winken mit der Leinenhand als Botschaft ganz anders interpretiert; eventuell als Frage, ob du deinen Hund auch freilassen kannst. Vielleicht ist die Theorie oder Annahme des anderen Hundehalters, dass Hunde die Angelegenheit immer unter sich regeln, und der Mensch sich raushalten soll. Im Gegensatz zu deiner Theorie oder Annahme, dass der Mensch die Verantwortung für seinen Hund und dessen Wohlbefinden und Unversehrtheit übernehmen soll. Beides kann gutgehen und beides kann einschränken. Im ersten Fall kann es zu einer Verletzung kommen, im zweiten Fall zu einer erlernten Hilflosigkeit.
Wir Menschen tendieren dazu, über alles Erleben eine Theorie oder Annahme zu legen. Und zwar die Theorie oder Annahme, die wir uns durch die Summe unserer Erfahrungen zurechtgelegt haben. Diese Theorien oder Annahmen untermauern wir dann mit unseren Strategien. Und je erfolgreicher diese Strategien sind, umso weniger möchten wir sie natürlich verändern. Eine Theorie oder Annahme könnte sein: «Mein Hund geht an der Leine auf andere Hunde los, weil er Angst hat». Die Strategie dazu wäre: «Management bei Hundebegegnungen». Was sicher ein sehr sinnvoller erster Schritt hin zu einer Lösung ist. Bleibst du aber im Stadium des Managements stecken, wird dein Hund zwar ohne zu bellen an der Futtertube hängen oder die gestreuten Gudis suchen. Die Möglichkeit, ein alternatives Verhalten zu erlernen, wird er dadurch aber nicht erhalten. Es lohnt sich also, parallel zu der Managementmassnahme ein Verhalten zuerst ausserhalb des Settings, und dann in ausreichend Distanz zum Auslöser aufzubauen. Dadurch erhalten du und dein Hund eine Handlungsmöglichkeit, die euch beiden in Zukunft Sicherheit geben wird.
Eine weitere Strategie wäre, seinen kläffenden und keifenden Hund an der Leine an einem Artgenossen vorbeizuziehen, wenn der Mensch die Theorie oder Annahme vertritt: «Da muss der jetzt durch.» Mit Sicherheit nicht zielführend für alle Beteiligten. Spannend wird es dann, wenn du dich mit der Einzigartigkeit deines Hundes auseinanderzusetzen beginnst und ihn in allen seine Möglichkeiten erkennen und fördern kannst. Und wenn du dir erlaubst, deine eigenen Denk- und Handlungsmuster auch mal zu hinterfragen. Was beim Nachbarshund gut klappt, muss für deinen Liebling nicht die ultimative Lösung sein. Es gibt keine fertigen Rezepte in einem Lernprozess. Der grösste Gewinn besteht darin, wenn du dir erlaubst, deine Annahmen von Zeit zu Zeit zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen

In diesem Sinne: «Ich bin sicher, dass du und dein Hund immer mehr Pfoten- und Fussabdrücke auf eurer gemeinsamen Weltkarte hinterlassen werdet».

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